Veröffentlicht am 9. Oktober 2015

Zeitzeugen erzählen: Flakhelfer Harry Rohlfs

Ehemaliger Luftwaffenhelfer über seinen Dienst bei der Flak in Osnabrück


Zeitzeuge Harry Rohlfs
Bildquelle: Archiv Rohlfs, 2010

Harry Rohlfs, Jahrgang 1926, war vom 5.1.1944 bis März 1945 Luftwaffenhelfer in Osnabrück. Während seiner Dienstzeit wechselte seine Abteilung mehrfach den Einsatzort; ausgebildet in der Flak-Stellung Wellmann auf dem Schinkelberg, musste er unter Anderem auch auf dem Kalkhügel und dem Sonnenhügel seinen Dienst an den Ortungsgeräten und schweren 8,8cm-Geschützen leisten. Er erlebte und überlebte diverse Luftangriffe auf Osnabrück und musste auch bei Lösch- und Instandsetzungsarbeiten in der Stadt mit anpacken.

Rohlfs konnte uns bereits in der Vergangenheit viele wichtige Informationen und Bildmaterial zur Verfügung stellen und ist nach wie vor ein sehr wichtiger Ansprechpartner und glaubwürdiger Zeitzeuge. Einen der Berichte, die er uns im Rahmen unserer Recherchen zum Stollenbunker an der Feldstraße zukommen ließ, könnt Ihr nun hier nachlesen:

"Nach der Notdienstverordnung des Deutschen Reiches vom 15.10.1938 konnten, nach Vollendung des 15. Jahres, Personen zum Militärdienst eingezogen werden.

Bei uns in Bassum war es so, daß alle Mitschüler der Kl.5, Jahrgang 1928, als Lw.Helfer eingezogen wurden [Randnotiz: 5.1.1944].

Die Ausbildung an der Flak 8,8 verbrachte ich in der Stellung Wellmann. Dort sah ich auch zum 1. Mal Bombeneinschläge in der Nähe unserer Stellung [Randnotiz: Papierfabrik]. Ein Soldat brachte die Filmvorführerin schreiend in einen Splittergraben. Wir hatten 4 Geschütze, an denen wir ausgebildet wurden, die Lw.Helfer wurden als K2, K3 und K6 (Seite, Höhe u. Zünderstellmasch.) ausgeb. Der K1 war ein Uffz. oder Gefr. K4 u. K5, Munitions-schlepper.Wurden oft von Hifis (russ. Gefangene) ausgeführt [Randnotiz: ital. Polizei]. Außerdem gab es noch die Ausbldg. am Funkmessgerät,Kommandoger. und Malsi-Ger. Die Ausbld. dauerte 4-6 Wochen.

Harry Rohlfs Leidenschaft: Segelfliegen. Hier als Jugendlicher in einem...
Bildquelle: Archiv Rohlfs, 1942/1943

Drillichzeug, Soldatenuniform, Ausgehuniform u. einen groß. Wachmantel erhielten wir. Dann kamen wir zur Stellung Kalkhügel, wo ich zunächst in der Umwertung war. Habe mich dann aber zum Geschütz gemeldet[Randnotiz: Sicht-].

Unsere Unterkunft waren Baracken für vier, sechs oder acht Lw.H., außerdem eine Schulbaracke. Die Lehrer [Randnotiz: Kohlbrecher, Steen, Voigt] kamen zu uns, bei Chemie und Physik mussten wir in die Stadt [Randnotiz: Wittekind/Möser-Mittelschule, Backhaus-Mittelschule].

Meistens fiel der Unterricht aus, wegen Fliegeralarm. Wir hatten 8 Gesch. (russ. Gesch. 8,2 [Randnotiz: aufgeb. a. 8,8]) und nebenan acht Sockelgesch. 8,8 als Großkampfbatterie (16 Gesch.). Unser Batteriechef hieß Ob.Leutn. Münch (Stahlcorsett), Gesch.Staffelführer war Wachtmeister Colditz.

Wenn wir Ausgang hatten, mußten wir unsere Ausgehuniform tragen mit der HJ-Armbinde, die dann außerhalb der Batterie-Stellung entfernt wurde, weil wir ja als Soldaten anerkannt werden wollten. Wenn wir in der Stadt waren, mussten wir auch bei Fliegeralarm einen Bunker aufsuchen und wurden auch manchmal aufgefordert Hilfe zu leisten und Feuer zu löschen. Mit meinem Freund, Bernd Fortmann, löschten wir einmal in einem größeren Gebäude in der Nähe des Doms, in der 1. Etg. eine Feuerwand und isolierten eine Stabbrandbombe mit einem Eimer Sand, den wir dort fanden. Beim Hinausgehen konnten wir keine Tür finden, wegen der Rauchschwaden. Draußen sahen wir mehrere Bombenkrater die teilw. auch die Schienen mit ihren Verankerungen hochgerissen hatten.

Bei der Flak auf dem Kalkhügel
Bildquelle: H. Rohlfs, Sammlung Haubrock, 1944

Unser Spieß (Hauptfeldwebel) war ein besonderes Ar.---loch der uns immer schikanierte. So musste ich einmal zum Rapport, vor der ganzen Batterie mit Gasmaske und Stahlhelm antreten und wurde bestraft mit einer ganzjährigen Urlaubssperre, weil ich während der Mittagspause mit Stiefel auf meinem Bett lag. Ein anderer Lw.Helfer wurde zu drei Tage Arrest verurteilt, weil er geraucht hatte (16 Jahre) usw. Diese ganzen Sachen berichtete ein Lw.Helfer, dessen Vater ein höherer Offz. in Rußland war, seinem Papa. Und eines Tages wurde unser Spieß dann nach Rußland strafversetzt.

Es kam auch vor, daß wir manchmal fürs Theater ausgeliehen wurden. Ich mußte einmal mit einem Kameraden in der Operette, Manina von Nico Dostal, mitspielen und die Schleppe der Königin tragen.

In der kalten Zeit hatten wir einen Hiwi (russ. Gefang.) der uns unseren Ofen morgens anmachte. Er bekam dann von uns ein Komisbrot oder etwas zu Essen, was aber eigentlich strengstens verboten war aber auch ztw. geduldet wurde.

Es gab auch einen Stubenältesten und wir wurden auch zum Stubendienst eingeteilt. Weil ich mich freiw. zur Luftwaffe gemeldet hatte, bekam ich 4 Wochen Segelfliegerurlaub in Wernigerode i. Harz. Die Segelfl. hatten alle Tarnanstrich, wegen der Tiefflieger, aber da dieser Lehrgang im November statt fand und es geschneit hatte, mussten wir bei Fliegeralarm unsere Vögel schnell in den Stall (Hangar) bringen. Einmal wurde von einer Lightning (2Rumpf)flugzeug, ein Segelflugz. in Brand geschossen.

Nach halbjähriger Zugehörigkeit wurden wir zum Luftw.Oberhelfer befördert. Unsere Geschütze hatten eine V/0 von 820 m/s einen Schusswinkel von 85 Grad. Das Übungsschießen machten wir in der Stell. Sonnenhügel. Es wurde eine große Glasplatte aufgest. Wir schossen dann nach dem Flugz. um 180Grad verst.. Nach einem Kampftag, also wenn wir geschossen hatten, bekamen die Soldaten Schnaps und Zigaretten und wir (Lw.Helfer) bekamen 1 Rolle Drops und Leberwurst. Unser Urlaub betrug 2mal 14tg im Jahr und der Wehrsold war 50 Rpf. pro Tag.

In einem Geschützstand der Flak-Stellung Kalkhügel
Bildquelle: H. Rohlfs, Sammlung Haubrock, 1944

Wir wurden auch mal von einem Lw.Helf., der in Osnabrück wohnte zu Hause eingeladen und der spielte uns dann seine Schallplatten vor (Jazz). Eine Melodie habe ich heute noch im Ohr: Si,si,si schenk mir bitte einen Pfennig.

Wegen einer Blinddarm-OP kam ich nach Großenkneten, in der Nähe von Delmenhorst, in ein Lazarett. Dort lagen auch Verwundete, abgesch. amerik. Flieger. Als ich wieder fit war, musste ich denen des Öfteren Kaffee einschenken.

In der Nähe war ein Scheinflugplatz und es landeten dort eines Tages 3 Kampfflugz. vom Typ Ju88 mit Bomben beladen. Es war Fliegeralarm und die Besatzung der Flugzeuge begaben sich mit ihren Orden und Ehrenzeichen in die Kantine als plötzlich feindl. Tiefflieger die Ju88 zusammenschossen, mit einem Ohren-betäubenden Krach, worauf sich die gef. Amis beschwerten und schimpften, daß ihre Landsmänner auf das Rote Kreuz schossen.

Als ich wieder in meiner Flakstellung in Osnabrück war, passierte etwas Merkwürdiges: Es war mal wieder Fliegeralarm und ein Kampfverband von amer. B17 Bombern war im direkten Anflug in etwa 4000 bis 5000m. auf Osnabrück. Wir hatten das Ziel schon aufgefaßt und warteten auf den Schießbefehl, als es plötzlich hieß: Schießverbot. Was war geschehen. Wir dachten an Sabotage oder Ähnliches, als es dort oben plötzlich knallte und einige Bomber abstürzten. Wir sahen silberne Punkte durch den Verband jagen und dachten an eine Geheimwaffe. Das alles passierte im Sept./Oktober 1944. Es wurde alles streng geheim gehalten. Erst später erfuhr ich, daß es Düsenjäger vom Typ Me 262 waren, die in Achmer-Hesepe stationiert waren.

Im Frühjahr 1945, kurz vor Kriegsschluss, wurden wir nach Stellung Sonnenhügel verlegt und erhielten dort eines Nachts einen Bombenteppich von engl. Bombern. Es war grauenhaft. Viele Geschütze fielen durch Bombentreffer aus. Es gab keine Werte mehr zum Einstellen der Geschütze. Es gab Tote und Verletzte und ich möchte hierüber nicht weiter berichten.

Ich kam in ein Krankenrevier und wurde dort zus. noch auf akutes Gelenk-Rheuma behandelt. Wurde dann nach Hause überwiesen und mußte mich dort noch in einem Rot-Kreuz-Krankenhaus einer Mandel-OP unterziehen. Nach Gesundung war ich dann zu Hause, als der Krieg beendet war."

Zuletzt aktualisiert am 9. Oktober 2015 von Hauke Haubrock