Veröffentlicht am 23. Januar 2013

Der letzte Luftangriff: Die Katastrophe vom Palmsonntag 1945

Augenzeugin schrieb uns ihre Erlebnisse im Luftschutzstollen Brinkstraße nieder


An der Brinkstraße. Rot markiert ist der Zugang zum Stollensystem, welcher von...
Bildquelle: Archiv-Foto, Mai 1945

Es war eine der schlimmsten Katastrophen des Bombenkriegs in Osnabrück: Am Palmsonntag, dem 25. März 1945, flog die alliierte Luftwaffe einen schweren Angriff auf Osnabrück. Es war der 79. und zugleich letzte, der aus der Luft gegen die Hasestadt geführt wurde. Die westalliierten Bodentruppen hatten sich der Stadt zu diesem Zeitpunkt durch ihren keilförmigen Vorstoß über Wesel und Haltern bereits auf etwa 100 Kilometer genähert und es war nur eine Frage von Tagen, bis sie auch Osnabrück erreichen würden. Täglich, oftmals mehrfach am Tag, war jetzt Alarm. Zumeist aber flogen die Bomber weiter in Richtung Berlin oder Ruhrgebiet. Als am Sonntagmorgen gegen 8:30 Uhr die letzten noch betriebsbereiten Sirenen der Stadt erneut aufheulten, war die Verwunderung daher eher gering und die Bevölkerung begab sich routiniert zu den Schutzräumen.

Obwohl in Osnabrück zu diesem Zeitpunkt über 40.000 bombensichere Schutzplätze zur Verfügung standen, nahm das Gedränge in den Bunkern seit den schweren Angriffen der vorhergegangenen Wochen und Monate weiter zu. Die Bunkeranlagen waren daher oft um ein vielfaches überbelegt.

Ähnlich sah die Situation auch an der Bunkeranlage Brinkstraße aus. Hier hatte man bereits im Vorjahr mehr als 4.000 Schutzsuchende gezählt und auch an diesem Morgen waren die Stollengänge in weiten Strecken so überfüllt, dass sich auch Schutzsuchende in den Hauptstollen nahe der kaum gesicherten Eingänge aufhielten. Ein Fehler, wie sich alsbald herausstellen sollte. Denn als die Explosionen der Bomben verstummten, begaben sich die ersten Menschen bereits wieder ins Freie, obwohl noch keine Entwarnung gegeben wurde.

Als jedoch weitere Flugzeuge am Himmel auftauchten, wurde klar, dass der Angriff noch nicht vorüber war und es entstand sofort Panik vor dem Bunker, alles drängte nun zurück ins schützende Innere. In dem hierbei entstandenen Gedränge war es den Ordnungskräften nicht mehr möglich, die massive, aus Holzplanken provisorisch gefertigte Schutztür vor dem Eingang an der Brinkstraße zu schließen, es war schlichtweg kein Durchkommen möglich.

Diese Tatsache mussten über 120 Menschen mit dem Leben bezahlen. Denn nur kurze Zeit später detonierte eine schwere Sprengbombe direkt vor dem nun ungeschützten Stollenmundloch. Die dadurch entstandene Druckwelle konnte ungehindert ins Innere der Bunkeranlage eindringen, und mit ihr Splitter und giftige Sprenggase. Die Menschen in der Nähe des Eingangs hatten keine Chance. Bis heute ist nicht genau bekannt wieviele Menschen an der Brinkstraße zu Tode kamen, die Wirren der letzten Kriegstage hatten eine exakte Protokollierung der Ereignisse nicht mehr möglich gemacht. Dies hatte unter Anderem den Grund, dass nicht bekannt ist, wieviele Menschen noch in den Krankenhäusern und Lazaretten ihren Verletzungen erlagen.

Die Überlebenden der Katastrophe des Palmsonntags 1945 waren noch lange von diesem Tag gezeichnet, viele behielten ihre Erlebnisse für sich, andere schrieben sie für die Nachwelt nieder. Unter ihnen ist auch die damals zehnjährige Christa Westermeyer, die diesen Bericht für uns niederschrieb:

"Es war ein schöner Frühlingsmorgen, der Palmsonntag, 25.03.1945. Ich war gerade einmal 10 Jahre alt zu dieser Zeit. Wir haben an der Sutthauser Straße gewohnt. Als die Sirenen aufheulten, packten wir die Sachen, die wir normalerweise in den Luftschutzbunker mitnahmen – Gemüse- und Fruchtsnacks, Wasser und kleinere Gegenstände, die uns Kinder beschäftigt hielten während des Aufenthaltes im Luftschutzbunker. Meine Mutter (Thersa Hagemann Westermeyer), meine zwei jüngeren Brüder Klaus und Jürgen und ich folgten dem bereits bekannten Weg zum Luftschutzbunker an der Brinkstraße. Mein Vater (Hans Westermeyer) war bei Übungen des Volkssturms, so dass er nicht bei uns sein konnte. Es waren ungefähr 5 bis 10 Minuten Gehweg zum Bunker.

Unser Platz war vom Eingang aus gesehen, im dritten Seitenstollen. Wir hatten bereits zu Beginn des Krieges eine Gartenbank in den Luftschutzbunker gebracht, um es uns etwas gemütlicher zu machen. Unsere Familie saß immer zusammen mit unserer Großmutter (Anna Hagemann – sie lebte an der Brinkstraße 80) und anderen Familienangehörigen. Ich denke, es war so gegen 10 oder 11 Uhr morgens.

In dem zentralen Bereich des Luftschutzbunkers hörten wir Mitteilungen darüber, dass unsere Stadt schon wieder bombadiert wird. Man konnte das Grollen der Explosionen hören und den Krach, den die Flak verursachte während diese auf die Flugzeuge gerichtet war. Wir waren bereits seit einigen Stunden in dem Stollen, als wir das laute Grollen und den Druck einer Explosion spürten, welche sich den Weg durch den Eingang in den Tunnel zu verschaffen versuchte. Der Haupteingang des Luftschutzbunkers war getroffen worden.

Das Licht ging aus und es wurde sehr still, gefolgt von Hilfeschreien, Gejammer und von Leuten, die in Panik gerieten. Die Verständigung fiel aus, manche Leute versuchten zu entkommen, was sie allerdings nicht konnten, da der Haupttunnel blockiert war. Wir blieben auf unseren Plätzen sitzen, nach den strengen Anweisungen unserer Großmutter. Derweil versuchte unsere Großmutter weiter einen Weg nach draußen zu finden. Bis unsere Großmutter wieder zu uns zurückkehrte, hatten wir bereits gehört, dass unser Luftschutzbunker im Haupteingang von einer Bombe getroffen wurde. Wir haben auch erfahren, dass sehr viele Leute in dem Haupttunnel gestorben sind, da die starke Druckwelle ihre Lungen zerfetzte.

Als unsere Großmutter zurückkehrte, sind wir ihr händchenhaltend zum Ausgang an der Weidner Straße gefolgt. Der Haupttunnel war mit Trümmern und Leichen gefüllt – erst später haben wir erfahren, dass unter diesen Leichen auch mein Onkel und mein Großvater Westermeyer waren.

Als wir nach draußen gingen, war immer noch Tageslicht zu sehen, aber die Sonne war verdeckt mit auftreibendem Dunst der von den ebenfalls zerbombten Gebäuden herrührte.

Obwohl ich zu dieser Zeit erst 10 Jahre alt war, sind die Szenen dieses Tages noch sehr lebhaft in meinen Erinnerungen vorhanden.

Während des restlichen Krieges verblieben wir in dem Keller unseres Wohnungshauses, da der Bunker an der Brinkstraße nicht mehr verwendungsfähig war."

Dieser Bericht wurde von uns aus dem Englischen übersetzt. Den Original-Bericht findet Ihr auf der Website ihres Bruders Fred Westermeyer unter http://westermeyers1850andon.blogspot.de. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank und freundliche Grüße nach Inverness an Familie Westermeyer!

Zuletzt aktualisiert am 14. Februar 2017 von Hauke Haubrock