Veröffentlicht am 17. April 2013

Deckname "Zeolith": Geheimprojekt an der Düwelskerke

Unterirdisches Hydrierwerk sollte Ende 1944 im Bocketal bei Tecklenburg entstehen


Um die Entstehungsgeschichte des Geheimprojekts "Zeolith" besser zu verstehen, sollte zunächst ein Blick auf die Treibstoff-Situation in Deutschland vor 1939 geworfen werden. Schon vor Kriegsbeginn war die Kraftstoffversorgung im Deutschen Reich ein großes Problem. So lag Deutschlands Selbstversorgung im Frühjahr 1939 bei nur etwa 30 Prozent des Bedarfs. Der Großteil, die restlichen 70%, mussten teuer importiert oder anderweitig beschafft werden.

Abhilfe sollte hier die IG Farben schaffen. Diese entwickelte schon zu Beginn der 30er Jahre ein Verfahren zur Benzinherstellung aus Kohle, an welcher in Deutschland kein Mangel herrschte. Durch diese neu entwickelte Hydrier-Methode gelang es aus 4,5 Tonnen Steinkohle etwa eine Tonne Ottokraftstoff, sogenanntes synthetisches "Leuna-Benzin" (benannt nach dem Firmensitz der IG Farben) zu erzeugen.

Bereits vor Kriegsbeginn entstanden daher im Rahmen des "Vierjahresplans" überall in Deutschland Raffinerien nach Muster des sogenannten Hochdruck-Hydrierverfahrens der IG Farben. Dadurch konnte die Deckung des Treibstoffbedarfs vor Kriegsbeginn auf über 40% gesteigert werden. Die übrigen 60% sollten durch die Annektierung rumänischer und später kaukasischer Ölfelder gesichert werden.

Durch die sowjetische Winteroffensive 1942/43 und die zunehmenden Luftangriffe der Westalliierten gegen Deutschlands Industrieanlagen war man Anfang des Jahres 1943 allerdings nicht mehr in der Lage, dieses Ziel in absehbarer Zeit zu erreichen.

Den entscheidenen Schlag allerdings erhielt die deutsche Treibstoffindustrie mit Beginn des Jahres 1944. Im Rahmen einer groß angelegten alliierten Luftoffensive sollte die Treibstoffherstellung des Deutschen Reichs systematisch und nachhaltig ausgeschaltet werden. Gezielte Luftangriffe fügten den Raffinerien in den folgenden Wochen so gravierende Schäden zu, dass die hierdurch erlittenen Produktionsausfälle nicht mehr zu kompensieren waren. Die Folge war ein zunehmend lähmender Kraftstoffmagel, der umgehend zu beseitigen war, wollte man die ohnehin schon dezimierte deutsche Kriegsmaschinerie weiter am Laufen halten. Als im gleichen Jahr auch die rumänischen Ölfelder in sowjetische Hände fielen, verschärfte sich die Situation noch weiter. Zur Sicherung des Treibstoffbedarfs mussten also unverzüglich Maßnahmen getroffen werden, um die am Boden liegende Treibstoffindustrie wieder aufzubauen.

Im Zuge des Geilenberg-Programms aus dem Sommer 1944 sollte ein sogenannter "Mineralölsicherungsplan" realisiert werden. Dieser sah vor, die Grundversorgung mit Kraft- und Schmierstoffen durch die gezielte Verlagerung von Raffinerien in bombensichere Stollen wiederherzustellen und zu sichern. Die Treibstoffproduktion sollte also systematisch unter die Erde verlagert werden, um sie vor den Bomben der Alliierten zu schützen. Umgehend wurden im gesamten Reichsgebiet mögliche Standorte für die unterirdische Errichtung entsprechender Werke sondiert und der Ausbau der Anlagen an geeigneten Stellen forciert. Doch nur ein kleiner Prozentsatz der geplanten Werke kam überhaupt noch über die Projektierung hinaus.

Das sogenannte B-Projekt 5057 unter dem Decknamen "Zeolith" im Tecklenburger Land war eines dieser wenigen im Bau befindlichen Projekte. Hier sollten Destillationsanlagen "Ofen 35/36" unter Federführung der Nerag (Neue Erdölraffinerie AG) unterirdisch in Betrieb genommen werden. Der monatliche Ausstoß an Kraftstoff war nach Fertigstellung der Anlage mit 6.000 Tonnen angesetzt, von denen 3.000t für die Weiterverarbeitung zur Anlage "Dachs I" an der Porta Westfalica geliefert werden sollten.

Warum ausgerechnet diese neu zu schaffende Stollenanlage "Zeolith" nahe Tecklenburg realisiert wurde, wird deutlich, wenn man sich die nähere Umgebung genauer anschaut. Zum Einen war hier eine optimale Infrastruktur samt Bahnanbindung gegeben. Der Standort ließ sich aufgrund des umliegenden Baumbestands und die Lage in einer Schlucht - genannt "Düwelskerke" (Teufelskirche) - sehr einfach tarnen. Das solide Gestein bot hervorragende Bedingungen für den Stollenbau, aufwendige Sicherungen der zu schaffenden Hohlräume waren nicht nötig.

Sehr wichtige Vorteile des Standorts waren zudem die großen Kohlevorkommen der Region. Entsprechende Förderanlagen im Raum Ibbenbüren konnten den immensen Bedarf an Kohle für das Hydrierverfahren decken.

Mit dem Bau der Anlage bei Brochterbeck begann man jedoch zu spät, als dass in den verbleibenden vier Kriegsmonaten eine Inbetriebnahme noch bewerkstelligt werden konnte. Erst Ende 1944 erfolgte der erste "Spatensticht" für die Stollenanlage. Die Hauptlast der Arbeiten wurden hier vermutlich von KZ-Häftlingen verrichtet, doch über den Arbeitseinsatz vor Ort oder benachbarte Lager ist bisher nichts bekannt. Wohl soll es in Brochterbeck damals aber ein Zuchthaus gegeben haben, dessen Häftlinge auch zu Arbeitseinsätzen herangezogen worden sein sollen. Ein direkter Zusammenhang mit "Zeolith" konnte jedoch nicht hergestellt werden.

Die Nerag selbst unterhielt gemeinsam mit der Schwestergesellschaft Deurag ein Aussenlager des KZ Neuengamme bei Hannover-Misburg, dessen Häftlinge unter Umständen für den Ausbau der Stollen herangezogen und ggf. direkt vor Ort untergebracht wurden. Doch wie gesagt, hierzu liegen uns bisher keine Informationen vor.

Bis Kriegsende hatte man kaum nennenswerte Baufortschritte erreicht. Aufgefahren wurde nur ein etwa 15 Meter langer und 5 Meter breiter Hauptstollen sowie ein kleiner Nebenarm mit ausgemauerter Querverbindung.

Bohrlöcher in der Felswand, einige Meter entfernt vom Hauptstollen, weisen darauf hin, dass offenbar ein weiterer Parallelstollen geplant war. Ein genauer Plan der Anlage ist leider bisher nicht aufgetaucht und wo bzw. ob überhaupt noch Baupläne oder Schriftstücke zu diesem streng geheimen Bauprojekt existieren, bleibt unklar.

Heute ist die Stollenanlage in der "Osnabrücker Wand" unzugänglich und dient als Winterquartier für Fledermäuse. Vor Ort lassen sich aber auch ausserhalb der Stollen noch heute einige Hinweise auf die einstigen Bautätigkeiten finden.

Mehrere Innenaufnahmen findet ihr bei Interesse auf dieser Seite: untertage-übertage.de/Zeolith.html

(Überarbeiteter Artikel vom 29.10.2008)

Zuletzt aktualisiert am 17. April 2013 von Hauke Haubrock