Objektinformationen

Der letzte erhaltene Zugang zum Bunkersystem unterhalb des Osnabrücker...
Bildquelle: Haubrock, 2013

Der alte Luftschutzstollen am heutigen Natruper-Tor-Wall (damals Wiener Wall) gilt als wohl eine der bekanntesten und zugleich größten unterirdischen Bunkeranlagen in Osnabrück. Gemeinsam mit der Luftschutzanlage unter dem Straßburger Platz sollte das Stollensystem das Schutzraumangebot des westlichen Westerbergs, Teilen der Altstadt sowie des Katharinenviertels sicherstellen.

Als Folge des schweren Luftangriffs vom 6. Oktober 1942 gab das Stadtbauamt dem für die Altstadt zuständigen Revierarchitekten Serfling die Planung einer neuen zentralen Bunkeranlage in Auftrag, die den Ansprüchen einer zeitgemäßen, bombensicheren Bunkeranlage genügten. Die unmittelbare Nähe zum damaligen Stadtkrankenhaus (heute Stadthaus) war hierbei bewusst gewählt worden. So besaß das Krankenhaus bis 1943 keinen eigenen bombensicheren Zufluchtsort für Patienten und Personal und der hauseigene Luftschutzkeller konnte die bombensicherheit längst nicht mehr gewährleisten. Gleiches galt auch für die Altstädter Volksschule am Wiener Wall und die Oberschule für Jungen an der Lotter Straße. Auch die umliegenden Anwohner hatten zu dieser Zeit lange Wege zu den nächsten Schutzbunkern zu bewältigen. Die Hochbunker an der Redlinger Straße (zu Beginn des Jahres 1943 noch im Bau) und der Lohbunker (Vitihof) waren von hier bis zu 500 Meter entfernt.

Aufgrund der wenigen geeigneten Freiflächen vor Ort und weil das Material für neue Hochbunker fehlte, blieb den Planern lediglich die Option die Anlage tief ins Felsgestein des Westerbergs zu verlegen. Hierdurch konnte einerseits eine enorme Ersparnis an Baumaterial erreicht und zugleich größtmögliche Bombensicherheit garantiert werden. Entsprechende Erfahrungen hatte man bereits beim Bau der ersten Osnabrücker Stollenbunker im Frühjahr 1943 machen können. Ein weiterer Vorteil einer solchen unterirdischen (Stollen-)Anlage war, dass bereits nach Fertigstellung erster Teilbereiche diese umgehend für die Zivilbevölkerung freigegeben werden konnten und man nicht bis zur Fertigstellung der gesamten Anlage warten musste, wie dies bei Hochbunkern der Fall war.

Hinter dieser Fassade befand sich damals ein Treppenschacht der Bunkeranlage.
Bildquelle: Haubrock, 2012

Gegenüber der wenigen bisher erbauten Stollenbunker, bei denen die Eingänge weitestgehend ebenerdig in den Berg getrieben werden konnten, war man am Standort Westerberg allerdings aufgrund des geringen Gefälles des Westerbergs zunächst gezwungen tiefe Zugangs-Schächte auszuheben, um eine ausreichende Überdeckung zu erreichen. Auch musste bei diesen so konzipierten "Tiefstollen" die Gefahr von eindringem Grundwasser berücksichtig und ein größeres Augenmerk auf die Bewetterung bzw. Belüftung der Stollen gelegt werden. Auch die Zu- und Abwege zur Anlage mussten der großen Zahl an Schutzsuchenden angepasst werden. Immerhin sollten im Ernstfall 3.200 Menschen in der Bunkeranlage Platz finden.

Der vom Architektenbüro vorgelegte Bauplan sah daher vor vom Natruper-Tor-Wall her drei benachbarte Schächte mit einer Grundfläche von jeweils 6,6m Breite und 17,6m Länge abzuteufen, von deren Sohle in 8 Metern Tiefe anschließend mit dem Vortrieb der ersten drei Stollen in westlicher Richtung begonnen werden konnte. Diese Tunnel sollten im Abstand von 16 Metern zueinander auf einer Länge von jeweils ca. 155 Metern bis unter die Lürmannstraße reichen, wo ein vierter Zugang eingeplant war. Um die verlangte Gesamtkapazität erreichen zu können, sollten zusätzlich zu den drei Hauptstollen elf Querstollen angelegt werden, welche die Hauptverbindungstunnel in Abständen von ca. neun Metern jeweils rechtwinklig kreuzen sollten.

Um den Krankenhausbetrieb auch im Falle eines Luftangriffs notdürftig aufrecht erhalten zu können, plante man zudem einen separaten Lazarett-Stollen und sogar einen Operationsraum ein. Auch sollte vom Krankenhausgelände her ein eigener Eingang angelegt werden, um Patienten und Personal einen schnellen Zugang zum Bunker zu ermöglichen. Ob dieser Planungsstand allerdings umgesetzt wurde, ist unklar.

Zugemauerter Eingang zu einem von drei Treppenhäusern am damaligen Wiener...
Bildquelle: Haubrock, 2012

Der erste Spatenstich für die neue Bunkeranlage erfolgte im Sommer 1943. Während der ersten Arbeiten wurden zunächst die drei Schächte am Wall ausgehoben und gesichert. Zeitgleich wurde auch an der Lürmannstraße mit dem Abteufen des vierten, knapp 20 Meter tiefen Schachts begonnen. Im nächsten Arbeitsschritt begann der Vortrieb und die Auskleidung der Stollen in Form von bis zu 60cm starken Tonnengewölben aus Ziegelsteinmauerwerk. Die Arbeiter gruben zunächst parallel vom Wall und der Lürmannstraße aufeinander zu. Auf diese Weise konnte das Tempo des Stollenvortriebs erheblich gesteigert werden. Aufgrund der wesentlich höheren Erdüberdeckung an der Lürmannstraße begann der Stollenvortrieb dort allerdings mit einer zeitlichen Verzögerung.

Um die Arbeiten möglichst schnell abschließen zu können wurde in mehreren Schichten rund um die Uhr gearbeitet. Während tagsüber die Stollen weiter in den Berg getrieben und die herausgebrochenen Steine abtransportiert wurden, konnte nachts ausgemauert und verputzt werden. Auf diese Weise konnte pro Tag und Arbeitstrupp etwa ein Stollenmeter im Rohbau fertiggestellt werden. Das herausgebrochene Gestein wurde über die Schächte am Wall und an der Lürmannstraße nach Übertage befördert und dort auf Lastwagen verladen, welche den Abraum unter Anderem an die Rheiner Landstraße verbrachten, wo das Geröll zur Verstärkung eines Deckungsgrabens am Heger Friedhof (Krematorium) genutzt wurde. Ob der Abraum unter Umständen auch auf anderen Bunkerbaustellen Verwendung fand, ist nicht bekannt.

Nach knapp einem Jahr Bauzeit war die Stollenanlage im Frühsommer 1944 bereits so weit gediehen, dass man schon über 1.000 Schutzplätze zur Verfügung stellen konnte. Auch die Schächte am Wall waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausbetoniert und mit breiten Treppen versehen worden. Das Treppenhaus an der Lürmannstraße wartete hingegen noch auf seine Fertigstellung. Im Juni 1944 war die Stollenanlage von hier aus nur über Leitern zu erreichen.

Unter dieser Asphaltdecke verbirgt sich eine massive Betonplatte. Sie sollte...
Bildquelle: Haubrock, 2012

Die Gesamtlänge der bis dahin geschaffenen Stollen lag bei ca. 250 Metern, man hatte innerhalb eines Jahres also knapp ein Drittel der Anlage fertig bekommen. Bis Kriegsende konnte die Zielvorgabe von 800 Metern jedoch nicht mehr erreicht werden. Nach vorliegenden Informationen konnten nur etwa 500 Meter (ca. 1100m²) fertiggestellt werden. Auch die Treppenhäuser wurden nicht mehr gänzlich fertig. Lediglich die Zugänge am Wall sowie der fast 20 Meter tiefe Treppenschacht an der Lürmannstraße konnten bis zum Baustop im April 1945 noch in Betrieb genommen werden. Der fünfte Zugang vom Krankenhaus her wurde offenbar nicht mehr geschaffen.

Wie notwendig der Bau der Luftschutzanlage in diesem Stadtbezirk war zeigte sich bereits am Ende des Jahres 1943, als Osnabrück wieder zunehmend in den Fokus alliierter Bomberverbände rückte. Mit der zunehmenden Intensität der Bombardements stieg auch die Zahl der Schutzsuchenden rapide an, denn längst war bekannt, dass Deckungsgräben und Keller keinen Schutz vor den alliierten Bomben boten. Die Menschen suchten daher zunehmend Schutz in den bombensicheren aber meist noch unvollendeten Stollen der Stadt. Am Wiener Wall sollen in den letzten Kriegsmonaten verschiedenen Quellen zufolge zwischen 8.000 und 12.000 Menschen Zuflucht gefunden haben, obwohl die Anlage nicht für eine so große Zahl an Menschen ausgelegt war. Ausgehend von der bis 1945 erreichten Kapazität hätte dies einer bis zu sechsfachen Überbelegung entsprochen, also ca. 10 Personen pro Quadaratmeter. Ob diese Zahlen daher stimmen, bleibt anzuzweifeln.

Bei Bauarbeiten im Jahr 2007 wurde ein Teil der Betonplatte mühsam abgetragen.
Bildquelle: Haubrock, 2007

Nach dem Krieg wurde die Anlage im Auftrag der britischen Militärregierung unbrauchbar gemacht. Inwieweit hier die Schächte oder Stollen durch Sprengladungen zerstört wurden, konnten wir bisher nicht zweifelsfrei ermitteln. Allerdings soll die Anlage bis ins Jahr 1963 nicht zugänglich gewesen sein. Erst im Rahmen einer Prüfung zur Verwendbarkeit des Stollen für Zwecke des zivilen Bevölkerungsschutzes wurde die Anlage im Jahr 1963 wieder geöffnet, jedoch für unbrauchbar befunden. Erneute Aufmerksamkeit erhielt das Stollensystem dann erst wieder während des Ausbaus der Stadthaus-Tiefgarage im Jahr 1993, aufgrund dessen Teile des Stollensystems vorsorglich verfüllt worden sein sollen.

Heute ist von der ehemaligen Bunkeranlage auf den ersten Blick nur noch wenig zu erkennen. Lediglich eine Stahltür am Natruper-Tor-Wall, hinter welcher sich der Zugang zum zentralen Treppenhaus verbirgt, ist noch auf Anhieb erkennbar. Bei genauerer Begutachtung des Geländes finden sich allerdings noch einige weitere Relikte. So befindet sich auf dem Bürgersteig neben der genannten Tür noch die alte Zerschellerplatte, eine dicke Stahlbetondecke, welche den benachbarten Schacht vor Querschlägern schützen sollte. Sie wurde bei Bauarbeiten im Jahr 2007 allerdings teilweise abgetragen. Auch entlang der Mauer, in welcher sich die Stahltür befindet, sind bei genauerer Betrachtung noch zwei zugemauerte Durchbrüche zu erkennen, die die ungefähren Standorte der beiden anderen Treppenhäuser markieren. An der Lürmannstraße exisitert zudem noch ein Luftschacht zur Bewetterung der Anlage. Das Stollensystem selbst wurde in der Nachkriegszeit teilweise verfüllt oder zugemauert. So soll die Anlage heute nur noch über etwa 300 Meter Gesamtlänge verfügen. Belegen lässt sich diese Zahl aber leider nicht, die Anlage ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich.


Zusammenfassung

Bauherr
Stadt Osnabrück
Baubeginn
1943
Aufnahmekapazität (offiz. Planzahl)
3.200 Personen
  • Kapazität bei regulärer Belegung
Aufnahmekapazität (errechnet)
2.000 Personen
  • Schätzwert für reguläre Schutzraumbelegung bei 0,6m² pro Person
Gesamtlänge (offiz. Planzahl)
800 Meter
  • Diese Zahl beinhaltet in der Regel nur die als Schutzraum genutzten Stollen. Technische Einrichtungen, Sanitär- und Sanitätsräume sind in diesen Zahlen nicht eingerechnet
Gesamtlänge (offiz. erreicht)
500 Meter
  • Bis Kriegsende erreichte Stollenlänge, basierend auf bisher ermittelten Werten. Die Angaben können unter Umständen technische Einrichtungen, Sanitär- und Sanitätsräume mit beinhalten
Heutige Nutzung
ungenutzt

zur Übersichtskarte Standort

  • Nächstgelegene Straße: Natruper-Tor-Wall, 49076 Osnabrück
  • Kartendaten: © Esri / ArcGIS | arcgis.com

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  1. Das ehemalige Stadtkrankenhaus in der Vorkriegszeit. Im Keller des Hochbaus befand sich während des Kriegs ein Luftschutzraum für die Patienten und das Personal. Mit dem Bau des benachbarten Stollenbunkers verlagerte sich jedoch das Gros der Schutzsuchenden in den sicheren Untergrund.
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    Bildquelle: Ansichtskarte, Smlg. Haubrock, 1930er

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  2. Luftschutzraum Lürmannstraße 10 (Schmidt)

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    Der Bucksturm in der Osnabrücker Altstadt
    Bildquelle: Haubrock, 2010

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