Erlass der Casablanca-Direktive

Mit dem Eintritt der USA in den Kampf gegen Nazi-Deutschland ergaben sich für die Alliierten neue Herausforderungen in der Luftkriegsführung gegen das Deutsche Reich und seine Verbündeten. Der Aufmarsch der USA in Europa und die damit verbundene Verlegung größerer Bomberverbände nach England seit dem Kriegseintritt im Jahr 1942 erforderte nicht nur eine unfangreiche logistische Koordination, sondern auch zwangsläufig eine gemeinsame Linie in der Organisation der Bomber-Einsätze über dem Deutschen Reich und den von Deutschland besetzten Gebieten.

Da die USAAF und die RAF jedoch ihren eigenen Direktiven folgten, mussten die Bomber-Einsätze zukünftig gemeinsam koordiniert und daher ein genereller Maßnahmenkatalog geschaffen werden.

Auf der Casablanca-Konferenz im Januar 1943 wurden hierfür erste Eckpunkte fixiert, die in den Folgemonaten weiter spezifiziert wurden. Als Grundlage diente das sogenannte COA-Papier ("Committee of Operations Analysts") der USAAF vom 9. Dezember 1942, welches mögliche Schwachstellen des deutschen Industrienetzwerks beschrieb.

Auf dieser Basis entstand in den folgenden Wochen der sogenannte Eaker- bzw. CBO-Plan ("Combined Bomber Offensive"), welcher genauere Maßnahmen für die alliierte Luftwaffe definierte und am 8. März 1943 der militärischen Führung vorgelegt wurde. Der Plan enthielt deutsche Schlüsselziele höchster Priorität, welche systematisch auszuschalten waren, um der deutschen Industrie einen nachhaltigen Schlag zu verpassen.

Diese umfassten (sortiert nach Priorität) 22 Fabriken für Jagdflugzeuge, 10 Kugellagerfabriken, 39 Raffinerien und Fabriken für syntetisches Öl, 10 Fabriken für Reifen und Schleifmittel, 13 Metallverarbeitende Betriebe, 12 Fabriken für syntetisches Gummi u. Reifen, 27 U-Boot-Werften und -Basen, 7 Fabriken für militärische Fahrzeuge, 87 Kokereien, 14 Stahlverarbeitende Betriebe, 12 Maschinen-Fabriken, 55 Kraftwerke, 16 Elektronik-Betriebe, 3 Fabriken für optische Präzisionsgeräte, 21 Großbetriebe für Lebensmittel, 21 Stickstoff-Destillationsanlagen sowie eine nicht näher definierte Zahl an infrastrukturellen Zielen und Chemie-Fabriken.

Der Maßnahmenkatalog wurde schließlich in leicht modifizierter Form am 14. Mai 1943 offiziell ratifiziert und mit Erlass der "Pointblank Directive" im Juni 1943 erstmals in die Tat umgesetzt. Das Maßnahmenpaket beinhaltete jedoch keine verbindlichen Vorgaben für die Befehlshaber, so dass die RAF nach wie vor das Prinzip der "Area Bombing Direktive" verfolgte, die USAAF sich hingegen weiterhin auf punktgenaue Angriffe von Schlüsselzielen konzentrierte. Neu war jedoch, dass sich die Luftwaffen zeitlich besser abstimmten. So flog die britische Luftwaffe fortan in erster Linie Nachtangriffe gegen deutsche Städte, die US-Luftwaffe übernahm die Angriffe auf Schlüsselziele am Tag.

Während in den Folgemonaten viele Fabriken im Deutschen Reich in Schutt und Asche fielen, blieben Bahnanlagen und Industriebetriebe in Osnabrück bis Dezember 1943 von alliierten Bomben verschont. Die Hasestadt war im Hinblick auf die genannten Schlüsselziele zunächst von nachrangigem Interesse für die Alliierten, denn in Osnabrück gab es weder Flugzeug-Fabriken, noch Raffinerien oder Kugellager-Fabriken. Der erste auf den Eaker-Plan zurckzuführende Luftangriff auf Osnabrück erfolgte erst am 22. Dezember 1943.